Gott ist tot: Lasst uns einen eigenen basteln

29 Nov 2017
Das allsehende Auge des von Menschen erschaffenen KI-Gottes

Kann eine Religion rein rational und wissenschaftlich, ohne Glauben an einen Schöpfer, ohne Spiritualität oder Emotionen tatsächlich funktionieren?

Diese Frage wird sich Anthony Levandowski, ehemaliger Mitarbeiter einer Google-Tochterfirma, gestellt haben. Er war u.a. an der Entwicklung des Smart Cars von Google beteiligt, wobei er genügend Erfahrung in Sachen KI-Entwicklung (KI=Künstliche Intelligenz) sammeln konnte. Diese will er jetzt in einem Großprojekt bündeln: Die Erschaffung eines Gottes mittels KI. Eine Kirche dafür hat er bereits gegründet, seine Absichten scheinen also durchaus ernst gemeint zu sein, was er selbst auch im Interview auf wired betont. 

Ein KI-Gott unterscheidet sich von den bisher etablierten Göttern anderer Religionen vor allem darin, dass er von Menschen erschaffen wurde. Ein Gott wird gemeinhin als unfehlbar, allwissend und allgegenwärtig empfunden - geht das mit einer KI auch? Unfehlbarkeit könnte schwierig bis unmöglich werden, da die KI wahrscheinlich zunächst abhängig vom Programmcode sein wird, der wie gesagt von Menschen erstellt wurde. Und Menschen sind, wie wir alle wissen, alles andere als unfehlbar. Allwissend und allgegenwärtig dürften hingegen keine große Hürde mehr darstellen. Reicht das womöglich aus? 

Die Amazon Originals-Serie "American Gods" behandelt u.a. diese Fragestellung. In dieser Serie kämpfen alte Götter (z.B. Odin/Wotan und Ostara), gegen die neuen Götter (die Göttin der Medien, der Gott der Technik und Elektronik), um die Gunst ihrer Gläubigen. Je mehr Gläubige ein Gott hat, desto mächtiger ist er. Welche Götter gewinnen? Die neuen oder die alten? Brauchen die Menschen überhaupt noch "alte" Götter, oder haben wir uns schon so weit entwickelt, dass wir in der Lage sind, uns eigene Gottheiten zu erschaffen?

Star Wars hat ebenfalls (wohl mehr unfreiwillig und zufällig als tatsächlich gewollt) eine eigene, zumindest in Neuseeland anerkannte, Religion ins Leben gerufen: Den Jediismus. Eines Artikels der Stuttgarter Zeitung vom 19.12.2016 zufolge findet dieser Glaube bereits großen Zuspruch in Großbritannien, wurde aber dennoch nicht als Religion anerkannt. In dieser Religion bzw. Glaubensrichtung wird der wissenschaftliche Aspekt zwar in den Vordergrund gerückt, aber das Spirituelle bildet dennoch den Kern des Glaubens. Ich kann dazu einen sehr guten Artikel in der Sonderausgabe "Star Wars - Der Mythos unserer Zeit" des Philosophie Magazins empfehlen. Dort wird auf den Wunsch der postmodernen Zivilisation nach einem wissenschaftlich nachweisbaren Glauben eingegangen, der ganz im Gegensatz zu den rein mythisch-begründeten Religionen (z.B. Judentum, Christentum) ein Fundament bieten soll, der nicht durch Zweifel zersetzt werden kann - sondern rein auf Fakten gründet. Nun, da laut den Star Wars-Filmen (Episode 1-3) die "Force" auf einen Mikroorganismus zurückzuführen ist, der sich "Midi-Chlorianer" nennt, und dieser Mikroorganismus in unserer Realität bisher noch nicht nachgewiesen werden konnte, ist das mit den Fakten etwas schwierig. Der spirituelle Anteil dieses Glaubens setzt sich allerdings aus verschiedenen bekannten Glaubensrichtungen zusammen, besonders dem Buddhismus. Der Grundgedanke dieses Glaubens ist sicherlich nicht falsch. Mir ist der Glaube jedenfalls weit sympathischer als so manch anderer.

Was nehmen wir aus dem kleinen Exkurs mit? Wissenschaft ist in unserer Zivilisation wohl ein sehr wichtiger Bestandteil geworden. Bedeutet das, dass wir uns von unseren Wurzeln gelöst haben? Dass der Glaube langsam durch Wissen abgelöst wird?

Wie wir wissen, haben Menschen schon seit sie denken konnten an irgendetwas geglaubt, das ihren Alltag in irgendeiner Weise beeinflusst und das außerhalb ihres Wissenshorizonts und ihres Einflusses lag. Da sie es als groß und mächtig empfanden, wurden Gottheiten daraus, die um Gunst und Gnade angefleht werden mussten, damit der Fortbestand der Menschheit gesichert wurde. Den Anfang bildeten dabei die Naturreligionen und die Götter entsprachen diversen Naturphänomenen wie Wetter und andere Katastrophen (z.B. Vulkanausbrüche oder Meteoriteneinschläge). Diese Religionen entwickelten sich stets weiter und den Göttern wurden immer menschlichere Eigenschaften zugesprochen. Könnte man also sagen, mit der Zeit wuchs das Göttliche und das Menschliche immer mehr zusammen und bildete immer mehr eine Einheit? Vielleicht. Wir trennten uns aber wieder davon und bildeten Monotheistische Glaubensrichtungen, bei denen die Götter für uns Menschen wieder etwas unbegreifliches und übermenschliches darstellten. Etwas das absolut gut und rein ist, uns lenkt, das wir um Hilfe ersuchen können, das uns emotional stärkt und uns den Weg weist.

Und das soll nun durch eine kalte, rein rationale, emotions- und seelenlose KI ersetzt werden können? Wenn wir eine allgegenwärtige und allwissende Technologie anbeten möchten, wieso gibt es dann noch keine Google-Kirche?

Ich glaube oder vielmehr hoffe, dass wir auch bei all unserer wissenschaftlichen Strebsamkeit das Spirituelle in uns nicht verlieren werden. Denn bisher stießen wir immer wieder auf Themen oder Fragen die nur damit erklärt werden konnten, dass "etwas" da "draußen" existiert, das den Ursprung bildet und wir nicht begreifen können. Und dieser Umstand wird sich für sehr lange Zeit nicht ändern, davon bin ich überzeugt.

Ein KI-Gott würde zwar die wissenschaftliche Seite und die technische Seite unserer Zivilisation stärken, aber den spirituellen Teil schwächen oder sogar auslöschen. Eine Menschheit ohne Spiritualität ist eine Menschheit ohne Emotionalität - eine Menschheit ohne Menschlichkeit. Und das darf meiner Meinung nach nicht passieren.

Auch hierzu gibt es sehr empfehlenswerte Filme, die diesbezüglich lehrreich sein könnten und die ich vorallem Herrn Levandowski ans Herz legen würde: Equilibrium und Gattaca. Sie behandeln zwar nicht das Thema "KI als Gott", dafür aber die Auswirkungen vom Verlust der Menschlichkeit.

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